(3.12.2010, 22:55) Amazon misst offenbar mit zweierlei Maß – oder die US-Regierung bzw die US-Geheimdienste üben entscheidenden Einfluss auf die Geschäfte des größten Online Buchhändlers aus.
Im Project Gutenberg stehen 33.000 Buchtitel für einen kostenlosen Download bereit. Sie sind unter anderem auch für den eBook-Reader Kindle verfügbar – entweder kostenlos bei Project Gutenberg oder für viel Geld bei Amazon, wie die Washington Post berichtet. So will der Online-Händler für das 1906 erschienene Buch «Fox Trapping» von Arthur Robert Hardings rund sechs US-Dollar. Bei Project Gutenberg brauchen die Leser aber nichts zu bezahlen.
Allerdings bewegt sich Amazon damit jedoch dennoch auf legalem Terrain. Die Lizenzbestimmungen von Project Gutenberg erlauben die Vervielfältigung der digitalisierten Werke. «Ist das legal? Ja. Ist es ethisch vertretbar? Ich denke nicht», wird Project-Gutenberg-CEO Greg Newby im Artikel zitiert. Wie viele Kunden bislang auf diese undurchsichtige Machenschaften reingefallen sind, ist nicht bekannt.
Andere Maßstäbe bei Wikileaks
Ganz andere Maßstäbe legt der Buchhändler bei seinem Amazon Web Service (AWS) an. Wie berichtet hatten Hacker-Attacken auf die Wikileaks Server diese nach einem Ausweg suchen lassen und meinten ihn bei Amazons Web Services gefunden zu haben. Allerdings folgte schon einen Tag später der Rausschmiss. Auf Druck der US-Geheimdienste in Form des Vorsitzenden des Geheimdienst Ausschusses des US-Senats Joe Liebermann.
Amazon widersprach dieser Darstellung heute in einer Pressemitteilung und führte als Hauptgrund an, dass Wikileaks gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen habe. Wikileaks habe nicht die Rechte an den Inhalten besessen und damit gegen die Geschäftsbedingungen verstoßen. Nicht im Besitz der Rechte zu sein, kümmert aber Amazon offenbar etwas weniger, wenn es selbst die Bücher von Project Gutenberg verkauft. Die übliche und ethisch einwandfreie Praxis im Internet ist, die Artikel zwar zu listen, aber dann zum kostenlosen Download zu verlinken.
Zweifel an Cloud Services
Kommentatoren kritisieren die Vorgangsweise vom Amazon einhellig und weisen darauf hin, dass Amazon dem Cloud Service massiven Schaden zugefügt habe. Amazon hat einen Präzedenzfall geschaffen, indem es als Service Provider den Inhalt der Daten eines Kunden beurteilt hat.
Unternehmen, die nun über die Nutzung von Cloud Services nachdenken, müssen sich überlegen, wem sie ihre Daten anvertrauen wollen. Die amerikanische Organisation Electronic Frontier Foundation (EFF), die sich für Meinungsfreiheit und Datenschutz im Internet einsetzt, ist enttäuscht, dass Amazon die Verbindung zu Wikileaks gelöst hat, nachdem es Druck aus der Politik gab. „Andere Kunden sollten Amazon jetzt harte Fragen stellen. Sie sollten erfahren, ob sie genauso schnell fallen gelassen werden können“, sagt eine EFF-Sprecherin. Nach ihrer Meinung sollten sich Unternehmen auch grundsätzlich überlegen, inwiefern sie Amazon und anderen Dienstleistern ihre Daten anvertrauen wollen.
Unternehmen müssen sich nach den Worten der EFF-Sprecherin bewusst sein, dass sie genau das gleiche Schicksal treffen kann wie Wikileaks. „Die Entscheidung war im Ermessen von Amazon. Jedes Unternehmen muss wissen: Wer seine Aktivitäten an Dritte auslagert, unterwirft sich deren Geschäftsbedingungen.“ Die Sorge, mit einer Verlagerung in die Cloud die Kontrolle über die eigene Informationstechnologie zu verlieren, gab es schon vor der Wikileaks-Affäre, und sie hält noch immer viele Unternehmen davon ab, Dienstleister wie Amazon in Anspruch zu nehmen. Unternehmen setzen stattdessen darauf, innerhalb ihrer eigenen Rechenzentren eine sogenannte „private Cloud“ aufzubauen, wie sie etwa Oracle mit seiner Exalogic Technologie anbietet.
Gefahren auch für Privatpersonen
Viele Menschen vertrauen immer mehr Daten der Cloud an, egal ob über Free-Mail Dienste von Google, Yahoo oder Facebook. Daten aus der Cloud sind aber etwa für die amerikanische Regierung per Gesetz viel leichter zugänglich als auf dem eigenen Computer gespeicherte Informationen. Google und andere Unternehmen fürchten, dass dies viele Menschen davon abhält, Aktivitäten ins Internet zu verlagern, und setzen sich für eine Änderung der Datenschutzgesetze ein. In der Zwischenzeit hat die EFF-Sprecherin für Privatpersonen den gleichen Rat wie für Unternehmen: Sich die Risiken vor Augen zu halten und gegen den Nutzen abzuwägen.
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